Taxonomische Einordnung
Alistipes ist eine Gattung strikt anaerober, gallentoleranter gramnegativer Darmbakterien innerhalb der Bacteroidota (Familie Rikenellaceae). Die Gattung umfasst mehrere Spezies mit teils unterschiedlichen metabolischen Profilen, darunter A. putredinis, A. shahii, A. finegoldii, A. onderdonkii und A. senegalensis.
Biologische und funktionelle Rolle
Alistipes spp. verfügen über eine ausgeprägte Kapazität zur Verwertung von Aminosäuren – insbesondere Tryptophan – sowie von Gallensäurederivaten und komplexen Proteinfraktionen. Über bakterielle Tryptophanlyase-Aktivität entstehen Indolderivate (u. a. Indol-3-Propionsäure, Indol-3-Aldehyd, Indol-3-Essigsäure), die als endogene Liganden des Aryl-Hydrocarbon-Rezeptors (AhR) fungieren. In physiologischen Konzentrationen aktivieren diese Metabolite AhR-abhängige Signalwege in Epithel- und Immunzellen der Lamina propria: Sie stabilisieren Tight-Junction-Proteine (u. a. Occludin, Claudine, ZO-1), fördern über den AhR-RORγt-Signalweg die Differenzierung regulatorischer T-Zellen (FoxP3⁺ Tregs), hemmen die Th17-Polarisierung sowie die NF-κB-Aktivierung und stimulieren die IL-22-Sekretion über den AhR-STAT3-Signalweg. Über diese Mechanismen tragen Alistipes-assoziierte Indolmetabolite zur mukosalen Immunhomöostase und zur epithelialen Barrierestabilität bei.
Bei überschießender Indolproduktion – insbesondere bei gleichzeitiger Barrierestörung oder hepatischer Vorbelastung – können Indolmetabolite in den systemischen Kreislauf gelangen. Indoxylsulfat, ein hepatisch konjugiertes Abbauprodukt von Indol, ist nephrotoxisch und kardiovaskulär relevant. Die Tryptophan-Verfügbarkeit beeinflusst darüber hinaus die Balance zwischen dem Indolweg, dem Kynurenin-Weg (IDO/TDO-Achse) und der intestinalen Serotoninsynthese; Verschiebungen in diesem Gleichgewicht beeinflussen Darmmotilität, viszerales Schmerzempfinden und – über die Darm-Hirn-Achse – neuropsychiatrische Parameter.
Neben dem Tryptophan-Metabolismus sind einzelne Alistipes-Spezies an der Fermentation von Polysacchariden pflanzlicher Zellwände und resistenter Stärke beteiligt und produzieren Succinat, Acetat und Propionat als metabolische Endprodukte.Wichtige Einflussfaktoren sind vor allem der westliche Ernährungsstil mit hohem Anteil tierischer Produkte, Fett und Protein sowie die damit verbundene Gallensäure-Exposition. Auch Gewichtsveränderungen, langfristige Ernährungsumstellungen, aber auch Antibiotika und andere Störfaktoren, die Kolonisationsresistenz und Fermentationsnetzwerke verändern, können die Abundanz beeinflussen.
Krankheitsassoziationen
Bei der Gewichtsregulation wurde in einzelnen Kohorten beobachtet, dass eine höhere Ausgangsabundanz von Alistipes mit einem besseren langfristigen Gewichtsverlust assoziiert war.
Bei Reizdarmsyndrom wurden Alistipes spp. in Studien wiederholt als mitbeteiligte Gruppe berichtet, dabei teils mit erhöhter Abundanz in Subgruppen, insbesondere bei Symptomkonstellationen mit Schmerz, Blähungen oder Begleitsymptomen wie Fatigue.
In Studien wurden erhöhte Alistipes Anteile unter anderem mit Depression, Symptomatik bei pädiatrischem Reizdarmsyndrom (insbesondere Schmerzen, Blähungen und Fatigue) sowie chronischem Fatigue-Syndrom ME/CFS assoziiert.
Verminderte Abundanzen wurden unter anderem mit psoriatischer Arthritis, Leberzirrhose, Gallensteinerkrankung und Präeklampsie assoziiert. Je nach Kohorte und Erkrankungsaktivität wurden bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowohl verminderte als auch erhöhte Abundanzen beschrieben. Experimentelle Daten deuten für einzelne Arten auf immunmodulatorische Effekte hin, was erklärt, warum Alistipes nicht als reiner Risiko- oder Schutzmarker verstanden werden sollte.
Klinische Einordnung
Alistipes ist kein eindeutig günstiger oder ungünstiger Marker, der im Zusammenspiel mit Entzündungsindikatoren (E-Marker, Calprotectin), Barriereparametern (D1-Marker, Alpha-1-Antitrypsin, Zonulin), Gallensäuren sowie den Verdauungsrückständen interpretiert werden soll.
Louis S, Tappu R-M, Damms-Machado A, Huson DH, Bischoff SC (2016) Characterization of the Gut Microbial Community of Obese Patients Following a Weight-Loss Intervention Using Whole Metagenome Shotgun Sequencing. PLoS ONE 11(2): e0149564. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0149564
Wan Y, Wang F, Yuan J, et al Effects of dietary fat on gut microbiota and faecal metabolites, and their relationship with cardiometabolic risk factors: a 6-month randomised controlled-feeding trial Gut 2019;68:1417-1429.
Liu S, Li Y, Shi Y, et al. Multi-omics analyses of the gut microbiome, fecal metabolome, and multimodal brain MRI reveal the role of Alistipes and its related metabolites in major depressive disorder. Psychological Medicine. 2025;55:e190. doi:10.1017/S003329172510072X
Taxonomische Einordnung
Alistipes onderdonkii ist eine Art innerhalb der Gattung Alistipes und wird als Bestandteil der normalen Darmmikrobiota beschrieben.
Biologische und funktionelle Rolle
Für A. onderdonkii liegen vor allem präklinische Daten vor. In Tiermodellen wurden immunmodulatorische Effekte beschrieben, teils mit einer Abschwächung entzündlicher Signalwege. In einzelnen Modellen wurden außerdem günstige Effekte auf metabolische Parameter wie die Glukosetoleranz berichtet. Ökologisch folgt A. onderdonkii häufig den Mustern der Gattung Alistipes insgesamt. In ernährungsbezogenen Studien werden Alistipes-Signaturen eher bei einem Milieu mit höherer Fett- und tierproduktbetonter Kost beobachtet, was typischerweise mit einer erhöhten relativen Abundanz einhergeht.
Die Evidenz zu A. onderdonkii ist heterogen und beruht zu wesentlichen Teilen auf präklinischen und translationalen Daten, weshalb die klinische Einordnung immer im Gesamtmuster erfolgen sollte.
In entzündungsbezogenen Tiermodellen wurden protektive Effekte überwiegend im Zusammenhang mit einer höheren Präsenz bzw. Gabe von A. onderdonkii beschrieben, was als Hinweis auf potenziell antiinflammatorische Eigenschaften interpretiert wird.
In onkologischen präklinischen Arbeiten wird A. onderdonkii als Kandidat im Kontext der Immuntherapie untersucht. Hier wird eine höhere Abundanz oder Supplementierung im Modell mit einer günstigeren Immunantwort beziehungsweise einer Verstärkung von Therapieeffekten in Verbindung gebracht.
Krankheitsassoziationen
Als opportunistischer Erreger ist A. onderdonkii selten beschrieben, vor allem bei prädisponierenden Faktoren. Ein Stuhlnachweis allein ist kein Hinweis auf eine Infektion.
Klinische Einordnung
Klinische Relevanz entsteht vor allem dann, wenn das Gesamtprofil gleichzeitig auf Störung der Darmbarriere, Entzündungsaktivität oder eine funktionelle Verschiebung des Fermentationsmilieus hinweist. Die Bewertung erfolgt daher im Zusammenspiel mit D1-, D2- und E-Gruppen sowie den ergänzenden Parametern wie Wassergehalt, Gallensäuren, sIgA, Alpha-1-Antitrypsin und Calprotectin.
Li, Zhipeng et al. Oral administration of the commensal Alistipes onderdonkii prolongs allograft survival American Journal of Transplantation, Volume 23, Issue 2, 272 – 277
Jiaxuan Xin, Yandong Xiang, Juan Jiang, Zhengqi Jiang, Bo Yi, Next-generation probiotics Alistipes onderdonkii enhances the efficacy of anti-PD-1 therapy in colorectal cancer, Biochimica et Biophysica Acta (BBA) - Molecular Basis of Disease, Volume 1871, Issue 6, 2025, 167891, ISSN 0925-4439, doi.org/10.1016/j.bbadis.2025.167891.
Watanabe, N., Watari, T., Hosokawa, N., & Otsuka, Y. (2025). Alistipes Bacteremia in Older Patients with Digestive and Cancer Comorbidities, Japan, 2016–2023. Emerging Infectious Diseases, 31(4), 652-661. doi.org/10.3201/eid3104.241284.